Trauer um Domherr Prof. Dr. phil. habil. Karlheinz Blaschke

26.12.2020 | 09:33 Uhr

Karlheinz Blaschke (1927–2020)

Das Hochstift Meißen trauert um seinen Domherrn Professor Dr. phil. habil. Karlheinz Blaschke. Er wurde Exaudi 1972 ins Domkapitel zu Meißen berufen und zugleich zum Dechanten gewählt. Dieses Amt versah er bis zu seiner Resignation im Herbst 2003. Als Domdechant gestaltete und prägte er maßgeblich die Geschicke der ältesten Stiftung Sachsens über drei Jahrzehnte hinweg.

Karlheinz Blaschke wurde am 4. Oktober 1927 im nordböhmischen Schönlinde geboren, er wuchs indes in Holzhausen bei Leipzig auf. Von 1946 bis 1950 studierte er Geschichte, Germanistik und Latinistik an der Universität Leipzig, wo er im Sommer 1950 mit einer Arbeit über die „Fünf neuen Universitätsdörfer (1543–1831)“ promoviert worden ist. Es schloss sich ein einjähriger Studienaufenthalt am Institut für Archivwissenschaft in Potsdam an. Von 1951 bis 1968 verrichtete Blaschke als wissenschaftlicher Archivar seinen Dienst am damaligen Landeshauptarchiv in Dresden (heute Sächsisches Hauptstaatsarchiv). 1962 habilitierte er sich an der Universität Leipzig, ohne dass ihm jedoch die Venia Legendi verliehen worden ist.
Zum 1. Januar 1969 wechselte er ans Theologische Seminar Leipzig (Mozartstraße), das sich damals in Trägerschaft der drei evangelisch-lutherischen Landeskirchen aus Sachsen, Thüringen und Mecklenburg befand. An dieser hochschulgleichen, jedoch staatsfernen Bildungsstätte, in der beinahe ausschließlich Absolventen studiert haben, die in Opposition zur herrschenden DDR-Staatsideologie standen, entfaltete Blaschke als Dozent für Geschichte und Soziologie eine rege Lehr- und Forschungstätigkeit. Legendär waren nicht allein seine Vorlesungen und Seminare, sondern auch seine fortwährende Vortragstätigkeit in sächsischen Kirchgemeinden zur Landesgeschichte. Karlheinz Blaschke hat auf diese Weise eine Generation ostdeutscher Pfarrer, aber auch kritischer Laien, die zu seinen Vorträgen im Lande gepilgert sind, maßgeblich geprägt. Wer sächsischen Landesgeschichte in diesen Zeiten ideologiefrei hören, verstehen und begreifen wollte, musste zu Blaschke gehen. In diesen Jahren gab er die „Herbergen der Christenheit. Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte“ heraus (Bände 9–18). Zeitgleich fungierter er als Begründer und Herausgeber der „Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte“ (Bände 1–9 (1963–1988)), ohne dass er im Impressum genannt wurde.

Im Zuge der Friedlichen Revolution und der wiedererlangten Einheit unseres Vaterlandes wechselte Blaschke als Leiter des Referats für Archivwesen ins Sächsische Innenministerium über (1991/92). Von 1992 bis 1998 war er ordentlicher Universitätsprofessor für Sächsische Landesgeschichte an der TU Dresden. Maßgeblich hat Karlheinz Blaschke die sächsische Landesgeschichte nach 1990/92 grundlegend wieder neu aufbauen helfen. Er allein hat seit 1992 beharrlich und entschieden die Gründung des Instituts für sächsische Geschichte und Volkskunde – gegen die Widerstände von alten und neuen Kadern – vorangetrieben. Zeitgleich begründete er wieder als Herausgeber das Neue Archiv für sächsische Geschichte, das 1943 letztmalig erschienen war. Blaschke hat rund ein Dutzend wegweisender Darstellungen zur sächsischen Geschichte vorgelegt, darunter das Historische Ortsverzeichnis von Sachsen, die Bevölkerungsgeschichte Sachsens bis zur Industriellen Revolution, Sachsen im Zeitalter der Reformation, Geschichte Sachsens im Mittelalter, Beiträge zur Geschichte der Oberlausitz, den Atlas zur Geschichte und Landeskunde von Sachsen oder den Kursächsischen Ämteratlas 1790.

Aufgrund seiner vielfältigen Verdienste wurde er – neben anderen Mitgliedschaften in Gelehrtengesellschaften – 1990 in die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sowie 1991 in die Philologisch-historische Klasse der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig kooptiert. Im Jahr 1997 hat man ihm mit der Sächsischen Verfassungsmedaille geehrte. 1999 erhielt Blaschke das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Karlheinz Blaschke ist am Vormittag des 25. Dezember 2020 im gesegneten Alter von 93 Jahren friedlich zuhause eingeschlafen. Bis zuletzt hat ihn seine Frau Renate, mit welcher er seit 1954 verheiratet war, herzlich und liebevoll versorgt und gepflegt. Es ist ein Segen, in diesen Zeiten wohlbehütet im engsten Kreis der Familie aus dieser Welt zu scheiden.

Zeitlebens hielt Karlheinz Blaschke am christlichen Glauben und der damit verbundenen Hoffnung fest. Mit ihm hat die evangelisch-lutherische Landeskirche, das Hochstift Meißen sowie die sächsische Landesgeschichte nicht nur eine überaus engagierte, tatkräftige und zupackende, sondern eine herausragende Persönlichkeit verloren. Das Hochstift Meißen gedenkt seiner in großer Dankbarkeit. Seiner Familie gilt unser tief empfundenes Beileid.

Domdechant Prof. Dr. Uwe Schirmer